CDK – Christen im Dienst an Kranken

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Impulse für Christen im Gesundheitswesen

 

 

Ausgabe 2 | 2012

 

Von Hanspeter Nüesch, Leiter von Campus für Christus

 

Gutmenschen mit Helfersyndrom

Ich freue mich sehr, einige Gedanken an die CDK’ler zu richten. Eure Hingabe beeindruckt mich.
Euer Gebetsgeist ist vorbildlich. Ihr setzt ein Zeichen der Liebe Christi, auch wenn ihr zunehmend
vorsichtig sein müsst. Der nachfolgende Beitrag ist als Ermutigung gedacht, das Licht Christi nicht
unter den Scheffel zu stellen, sondern leuchten zu lassen, damit alle es sehen.

 

Vor kurzem konnte ich für wenige Franken ein uraltes Getreidemass erwerben, das mich an zwei Verse in der Bibel erinnert: «Gebt, und es wird euch gegeben werden:ein gutes, gedrücktes und gerütteltes und überlaufendes Mass wird man in euren Schoss geben; denn mit demselben Mass, mit dem ihr messt, wird euch wieder gemessen werden» (Lukas 6,38). Und: «Ihr seid das Licht der Welt … Man zündet auch nicht eine Lampe an und setzt sie unter den Scheffel, sondern auf das Lampengestell, und sie leuchtet allen, die im Hause sind. So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen, und euren Vater im Himmel preisen» (Matthäus 5,14 –16).

 

Die Tatsache des überfliessenden Segens erinnert mich jedoch zuallererst daran, dass Gott sich in seinem Sohn an uns verschenkt hat. Er hat das Wertvollste, das er hatte, für uns gegeben, damit wir Leben hätten, Leben in Ewigkeit. Er hat uns damit gleichzeitig ein Vorbild gegeben, dass wir uns in gleicher Weise an unsere Mitmenschen verschenken sollen. Das entspricht nicht dem heutigen Zeitgeist, der im sich Verschenken und opferbereiten Dienen ein Hindernis zur Selbstverwirklichung zu erkennen meint. Man hat dafür zwei schreckliche Wörter kreiert, die dienende Menschen verächtlich machen wollen: «Gutmensch» und «Helfersyndrom». In subtiler Weise wird aus gut schlecht und aus helfen eine Krankheit. Wenn wir in unserer egozentrischen Welt nur mehr Gutmenschen hätten mit einem Helfersyndrom!

 

Jesus Christus macht klar, dass derjenige der gibt, nicht zu kurz kommt. Tätige Nächstenliebe ist nach der Liebe zu Gott das wichtigste Gebot. Die Menschen erfahren den liebenden Vater-Gott primär durch ihre Mitmenschen, die sich als Kanal von Gottes Liebe zur Verfügung stellen. Wenn wir Gottes Liebe verschenken, weckt das in den Beschenkten Glauben an einen liebenden Gott und sie beginnen ihn zu preisen. Das Wunderbare ist, dass gleichzeitig auch die Schenkenden neu von Gottes Liebe beschenkt werden und zwar in einem überfliessenden Mass. Das ist Gottes Ökonomie: Man kann nie mehr geben, als was Gott uns wieder zurückschenkt, oft zwar in einer anderen Form. «You can never outgive God» drückt diese Tatsache sehr prägnant aus, ist aber leider schwer zu übersetzen.
Ich liebe es, Leuten, die uns zuhause besuchen, Bergkristalle und andere Mineralien zu schenken, möglichst viele. Ich schäme mich nicht ob meines offensichtlichen Schenkersyndroms. Früher meinte meine Frau Vreni, ich würde mit dem Schenken ein bisschen übertreiben. Auch sie ist mittlerweile aber überzeugt, dass ich dabei
der am meisten Beschenkte bin. Manchmal kommt das Geschenk konkret zurück
in Form von mehr und schöneren Bergkristallen, als die ich finde; manchmal in Form von Zeugnissen von Menschen, die berichten, wie Gott durch die Kristalle zu ihnen gesprochen hat. Manchmal bereite ich mit den Kristallen einfach ein wenig Freude; und jeder mittelmässige Psychologe weiss, dass Freude machen uns selber Freude bereitet.


Ich möchte allen Christen im Dienst an Kranken, Schwachen und Bedürftigen Mut machen, das Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, sondern Gottes Liebe verschwenderisch zu verschenken. Wie dankbar war ich, als ich im Spital und anschliessend in der Reha-Klinik, – die durch einen Zeckenbiss ausgelöste FSME-Hirnhautentzündung auskurierte, Gutmenschen mit einem Helfersyndrom um mich herum hatte, die nicht nur einen Job machten, sondern sich echt um mein Wohlbefinden kümmerten. Manchmal hatte ich den Eindruck, Gott würde mir durch diese Menschen selber begegnen. Die mich Pflegenden wurden auch gesegnet. Eine Pflegerin mit ausländischen Wurzeln meinte, als ich die Reha-Klinik verlassen konnte: «Ist das schade, Herr Nüesch, dass sie schon gehen!» Offensichtlich war ich ein besonders dankbarer Kunde.


Ich ermutige alle Pflegenden, auch die weniger dankbaren Patienten mit der gleichen Liebe und Hingabe zu pflegen. Für einige von ihnen wird es das erste Mal sein, dass sich jemand wirklich um sie kümmert. Einige erleben die schenkende Liebe Gottes vielleicht zum ersten Mal überhaupt, und da braucht es Zeit, bis die harte Erde weich wird. Krankheitszeiten sind Weichmacher. Wichtig ist, dass wir das Licht Christi nicht unter den Scheffel stellen, sondern in die aufweichende Erde Gottes Liebessaat säen. Wir werden im Himmel einmal sehen, wieviel Ewigkeitsfrucht daraus entstanden ist. Die Christen im Pflegeberuf sind die modernen Prediger, seitdem den Pfarrern die Leute abhanden gekommen sind. Sie setzen ein starkes Zeichen der Liebe, auch wenn sie zunehmend vorsichtig sein müssen, in öffentlichen Institutionen von ihrem Glauben zu erzählen. Aber wenn es nicht künstlich fromm aufgepfropft wirkt, sondern authentisch hinüber kommt, weil die ganze Person davon durchdrungen ist, kann niemand etwas dagegen haben. So
oder so spricht ein geheiligtes Leben am Stärksten. Letzthin las ich den treffenden Satz: «There is no argument against the silent eloquence of holiness.» (Es gibt kein Argument gegen die stille Beredsamkeit eines heiligen Lebens.) Und im Gegensatz zu den Kirchen sind die Spitäler und Reha-Zentren nicht nur an hohen Feiertagen voll von Menschen, die dringend Hilfe und mitmenschliche Wärme benötigen. Diese Chance gilt es zu nutzen, indem wir das Licht Christi euchten lassen, mit oder ohne Helferresp. Schenkersyndrom.

 

P.S. Es ist mir bewusst, dass es Fälle gibt, wo Menschen zwanghaft helfen, nicht weil sie wollen, sondern weil sie müssen. Wie jede andere Gefangenschaft ist auch das eine Bindung, von der Jesus Christus uns befreien kann, indem er unser Defizit auffüllt und uns eine neue Identität in ihm gibt. In diesen extremen Fällen könnte man zu Recht von einem Helfersyndrom sprechen. Trotzdem finde ich das Wort nicht hilfreich, weil es das Helfen generell abwertet.