Aus der Abhängigkeit von Gott leben
Von Pfrn. Monika Riwar
Abhängigkeit von Gott als christliches Ideal
„Ich will nicht eigene Wege gehen, sondern mich ganz von Gott bestimmen lassen.“ „Ich möchte lernen, ganz von Gott abhängig zu sein.“ Mit ähnlichen Worten beschreiben Christen ihr Bestreben, Gott ganz zur Verfügung zu stehen und sich seinem Willen zu unterstellen.
Abhängigkeit von Gott als nackte Realität
In der Bibel wird der Begriff der Abhängigkeit kaum einmal gebraucht, um die ideale Beziehung zu Gott zu beschreiben. Stattdessen heisst es: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft“ (5. Mo 6,4).
Weshalb ist das so? Weil Abhängigkeit von Gott nicht etwas ist, das wir anstreben sollen, sondern eine Tatsache: Wir sind abhängig von Gott, jede Sekunde unseres Lebens, ob es uns gefällt oder nicht. Es ist Selbsttäuschung des Christen, wenn er dies zu einer Frage christlicher Tugend macht.
Die Bibel deckt diese Abhängigkeit sehr radikal auf: Kein Mensch kann sein Leben endgültig sichern oder dem Tod entgehen. Wenn Gott sein Angesicht verbirgt, vergeht der Mensch; wenn Gott seinen Odem wegnimmt, wird er wieder zu Staub (vgl. Ps 104,29). Kein Mensch kann seinem Leben auch nur eine Elle hinzufügen (Mt 6,27).
Ebenso im Bereich des Heils ist die Abhängigkeit eine totale: Kein Mensch kann sich selber Heil verschaffen. Heil widerfährt uns, wird uns geschenkt im Glauben an Jesus Christus - die Aktivität liegt hier nicht beim Menschen. Gott ist es, der Sühne geschaffen hat durch das Sterben Jesu am Kreuz; aus Gnade, also durch seine freie Zuwendung hat er uns Erlösung geschaffen in Jesus Christus (vgl. z.B. Röm 1,16-17; 3,21-26).
Auch die sogenannte Menschenwürde, die in der Ethikdiskussion im medizinischen Bereich eine wichtige Rolle spielt, ist nach biblischem Verständnis etwas, das von aussen kommt - von Gott nämlich. Er hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen. Diese Ebenbildlichkeit des Menschen, die er sich nicht selber zugesprochen hat, ist seine Würde. Wenn ein Mensch - wenn eine Gesellschaft - Gott verliert, dem sie sich verantwortlich weiss, gerät sie bezüglich Menschenwürde immer mehr in Begründungsnotstand: Warum soll man einen Fötus, sprich Zellhaufen, nicht einfach abtreiben oder teure Pflegefälle ohne Hoffnung auf Heilung nicht besser human zum Sterben bringen?
Die Bibel zeigt den Menschen als ein auf Gott angewiesenes Wesen. Darüber hinaus gibt es jedoch noch einen weiteren Aspekt, der zur biblischen Sichtweise des Menschen gehört: Die Ebenbildlichkeit des Menschen schliesst auch seine Kreativität und den Auftrag, die von Gott gegebene Schöpfung zu verwalten, mit ein. Gott gewährt dem Menschen Freiraum zur Lebensgestaltung. Diese bleibt trotz der Realität der Sünde bestehen (vgl. z.B. Ps 8), allerdings mit der Einschränkung, dass der Mensch die Gaben nicht mehr unbedingt in Gottes Sinne nutzt.
Von Christus her leben - selbstverständlich und doch schwierig
Als Christen verdanken wir unser neues Leben Jesus Christus, wir gehören zu ihm, er lebt in uns durch seinen Geist. Deshalb ist es das Ziel christlicher Lebensgestaltung, dass er immer mehr unsere täglichen Einstellungen und Handlungsweisen prägt.
„Denn keiner von uns lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“ (Röm 14,7-8).
Diese grundsätzliche Lebenshaltung kann uns in Werte- und Zielkonflikte zu unserer Gesellschaft bringen.
Doch was heisst das im einzelnen für unseren Alltag? Schliesst die Zugehörigkeit zu Jesus Christus jede „Eigeninitiative“ aus? So fragt eine Frau: „Ich bin 45 Jahre alt, verheiratet und Mutter von drei Kindern. So langsam gehen sie immer mehr ihre eigenen Wege und ich frage mich, welche neuen Aufgaben Gott für mich bereithält. Ich habe Gott gebeten, mir den Platz zu zeigen, an dem er mich haben will. Aber irgendwie komme ich nicht weiter. Ich habe Angst, dass ich Gottes Willen für mein Leben verfehle.“
Oft stehen uns in der konkreten Lebensgestaltung verschiedene Möglichkeiten offen, bei denen es nicht um die Frage von Sünde geht, z.B. die Berufswahl, wohin wir in Urlaub gehen, welche Kleider wir heute anziehen, was wir essen, welcher Ehepartner zu uns passt…
Die Bitte, Gott möge den richtigen Platz zeigen, ist oft eher von Lebensangst geprägt, als von der Freude an den Möglichkeiten, die Gott uns gegebenen hat. Sei es, dass jemand selber nicht weiss, was er will und wo seine Stärken liegen, oder dass jemand keine Fehler machen möchte und deshalb eigene Wünsche nicht einzubringen wagt. Solche Ängste erschweren es, Gottes Führungen zu erkennen. Denn ohne Klarheit über die eigenen Gaben und Wünsche fehlt der innere Bezugspunkt, um die von Gott geschenkten Möglichkeiten auch einordnen zu können.
Wer von sich fordern wollte, heute schon endgültig zu erkennen, wohin eine Entscheidung in den kommenden zwanzig Jahren führt, überfordert sich, denn er versucht, Gottes Position einzunehmen. Wir Menschen können unseren Lebensweg nicht endgültig überschauen. Zu viele Faktoren spielen hier eine Rolle, die wir nicht im Griff haben können. Darum ist das Wissen, dass Gott einen Plan für unser Leben hat, sein Trost für uns. Er hält uns in der Hand.
Gottes Wort sagt uns: „Bittet, so wird euch gegeben“. Und fährt fort: „Suchet, so werdet ihr finden“ (Mt 7,7). Beides gehört zusammen. So bringt Gottes Wort selbstverständlich zwei Aspekte zusammen: Aus der Verbundenheit mit Christus zu leben, ihn zu bitten - und das dürfen wir selbstverständlich auch, wenn es um Entscheidungen geht, wie wir heute unser Leben gestalten sollen. Und zugleich dürfen wir getrost aktiv werden, suchen, ausprobieren, einsetzen, was wir im gegenwärtigen Moment als gut erkannt haben. Suchen braucht Zeit, kann anstrengend sein, beinhaltet vielleicht sogar manch vergeblichen Versuch. Doch unser Suchen ist bei Gott geborgen und er wird uns finden lassen.
Du sollst den Herrn deinen Gott lieben von ganzem Herzen ... (Mt 23,37)
Und wenn der eigene Wille eindeutig nicht mit Gott übereinstimmt?
„Doch nicht, was ich will, sondern was du willst!“ So hat Jesus im Garten Gethsemane gebetet (Mk 14,36). Wir beten manchmal auch so. Doch bedienen wir uns dieser Worte oft, wenn wir nicht so genau wissen, was wir wollen oder sollen. Bei Jesus war das anders.
Er hat nicht so gebetet, weil er unsicher war, was er jetzt tun sollte. Nein, er hat so gebetet, weil alles klar war. Weil er wusste, welcher Weg vor ihm lag. Weil er wusste, dass das Kreuz auf ihn wartet - und er Angst hatte vor diesem Weg. „Vater nimm diesen Kelch von mir!“ Diese kurzen Worte beinhaltet die ganze Klage Jesu, die zu Gott aufsteigt.
„Doch nicht, was ich will, sondern was du willst“, ist seine Einwilligung, dem Weg nicht auszuweichen, den sein Vater mit ihm beschreiten will.
„Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.“ (Lk 23,34f.).
Bist du der Christus, so beweise es, indem du heruntersteigst!, das war das menschliche Denken. Der Erweis der Gotteskraft sollte anders geschehen als diese Menschen es sich vorstellten. Denn Gottes Perspektive ist eine andere: Weil er der Christus ist, hängt er am Kreuz und stirbt dort - und wird auferstehen. So wird die Macht von Sünde und Tod überwunden.
Jesus willigte ein in diesen Weg, weil er das Ziel seines Vaters vor Augen hatte, Erlösung zu schaffen für seine Menschen. Für dieses Ziel hat er seinen eigenen Willen (nämlich der Todesnot auszuweichen) losgelassen.
So also scheint gerade der Verzicht auf den eigenen Willen ein bewusster Akt um Gottes Willen zu sein. Dass das Loslassen des eigenen Wollens, wenn es Gott widerspricht, auch ein längerer Prozess sein kann, wissen wir aus Erfahrung. Denken wir nur daran, wie schwer es oft fällt zu vergeben, wenn Menschen uns verletzt haben.
Und was, wenn wir versagt haben?
Wenn wir versagt haben, gilt, was Paulus immer und immer wieder betont: Nicht durch unsere Fehlerlosigkeit kommen wir in Gottes Reich, sondern weil Christus uns den Weg vorbereitet hat! Wir leben von Seiner Liebe zu uns, Gott sei Lob und Dank!
bcb Bildungszentrum für christliche Begleitung und Beratung,
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Quelle: Publiziert CDK-Bulletin 2/2006
