Gebet aus der Sicht der Bibel

Von Christa Heyd, Heiden, Pfarrerin im überregionalen Dienst und Arztfrau

 

Gebet: Motivation und Kraft
Gebet ist Antwort oder Echo auf Gottes Reden und Tun - sowohl im AT und im NT.
Nicht wir erfinden das Beten.
Nicht wir sind die Ersten - sondern ER.
Zuerst redet ER - dann wir. Ohne Ihn könnten wir kein Wort sagen.
Zuerst wirkt ER - sonst wären wir gar nicht da und könnten nichts bewirken.
Deshalb kann Gebet mit Staunen beginnen - über Sein Wirken - und mehr: über Ihn selber. 
Gebet ist also nicht bloss Hilferuf und an notvollen Umständen orientiert - sondern gottzentriert und verheissungsorientiert.

 

Gebet: Motivation und Kraft
Was der Mensch durch sein Misstrauen in Gottes Güte und Schönheit zerbrach, will ER wieder heilen durch Jesus. Deshalb kam Jesus - Sein Name heisst: Gott hilft. Also: Jesus ist Gottes Hilfe in Person.
Das ist der Sinn des Opfers des Gottessohns: verbinden was zerbrochen ist, heilen und wiederherstellen was der Mensch zerstörte und stört. (Im Film  „Die Passion Jesu“ wird ohne Beschönigung realistisch dargestellt, wie es wirklich war und was das bedeutet).
In Seinen Wunden finden wir nicht nur Vergebung, sondern auch Heilung.
Deshalb hat Mel Gibson diesen Film gedreht - deshalb hat John Caviezel, 33 Jahre alt, Jesus gross gemacht - weil sie selber in den Wunden Jesu persönliche Heilung in Krisen erfahren haben. Der Jesusdarsteller John Caviezel hat übrigens durch die Schwere der Dreharbeiten von Herzen beten gelernt - nicht nur mit dem Verstand.
Wir beten zur höchsten heiligen Autorität des Himmels und der Erde und zugleich zum barmherzigen Heiland und Arzt Jesus, also zu einem persönlichen liebenden dreieinigen Gott. Seine tiefste Absicht ist: wiederherzustellen was Menschen zerbrachen und zerbrechen.

 

Gebet als Antwort
Gebet ist also Ausdruck des Gegenüberseins zum Schöpfer und Heiland der Welt. Gebet ist Ausdruck von Beziehung zu Ihm.  Beten kann im Verstehen und Formulieren klarer Worte geschehen. Darüber wurde schon viel geschrieben.
Hier soll einmal eine Klärung des „Betens im Geist“ oder „Beten in Sprachen“ erfolgen - ohne letzteres überzubewerten.
Das Beten im Geist oder in Sprachen  kann Hilfe sein in Stresssituationen oder in der Seelsorge, oder Entspannung für Menschen die beruflich viel geben müssen.

 

Was ist „Beten in Sprachen“?
Was es nicht ist:
Schwärmerei oder Gefühlsüberschwang. Der Übergang vom Seelischen ins Geistliche ist freilich nicht immer „steril“ abgrenzbar.
Nichts „Gförchiges“ - in der Bibel findet sich kein Beispiel für dämonische Sprachen.
Sprachengebet ist kein Privileg besonders geistbegabter Christen.

 

Was es ist nach der Bibel:
Der Begriff „glosse“ im griechischen NT kann doppelt übersetzt werden:
Zunge oder Sprache. Im biblischen Zusammenhang ist nicht das Organ gemeint, sondern die Gabe der Sprachen. Korrekte Übersetzung wäre also nicht Zungen- sondern Sprachengebet (griechisch: Glossolalie).

 

Pfingsten als Ursprung
Erstmals wird die Gabe, in anderen Sprachen zu reden ohne sie gelernt zu haben, am ersten Pfingstfest in Jerusalem hörbar. Der Bericht Apg 2 ist ein heilsgeschichtliches Gegenstück zur babylonischen Sprachenverwirrung 1. Mose 11,1-9 und macht diese „rückgängig“.
In Babel war das Aufkommen verschiedener Sprachen Ausdruck von Überheblichkeit, Uneinigkeit und Zeichen des Gerichts über Hochmut und Selbsterhöhung.
In Apg 2 lässt Gott in Jerusalem das Sprachenwunder geschehen als Antwort auf langes demütiges Flehen um Erfüllung der Verheissung des heiligen Geistes (Apg 1,6-8 und 14; 2,1-3 und 15-18) - also als kreatives Gnadenzeichen, das die Zertrennung aufhebt und Einheit schafft im Grossmachen der Taten des Herrn (8-11). An Pfingsten geschieht das Sprachenwunder zunächst als Gabe der Verkündigung Jesu Christi in nicht erlernten Sprachen. Die Apostel werden befähigt, fremde Gastvölker in ihrer Sprache zu evangelisieren. Der Heilige Geist wirkt nach 2 Richtungen: durch Menschen zu Menschen oder von Menschen zu Gott im Beten.

 

Wege zum Beten in Sprachen zur eigenen Erbauung
Der Heilige Geist, der Schöpfergeist, der Geist, der Jesus auferweckte, ist der Ursprung.
Jeder, der Jesus seinen Herrn nennt, kann dies nur durch den Heiligen Geist tun. Also trägt jeder Jesusglaubende schon den Samen der Geistesgaben in sich (1.Kor. 12,1-3).
Alle Geistesgaben dienen dem Aufbau der Gemeinde, nur das Sprachengebet dem eigenen Aufbau. Wachstum ist möglich und individuell verschieden. Die Frage ist nicht: muss ich das Sprachengebet haben (es ist nicht heilsnotwendig) - sondern: darf oder möchte ich es? Es muss nicht sein, kann aber sein…

 

Hindernisse ausräumen
- Fehlende oder falsche Information über den Geist und seine Gaben,
- Verstandesbarrieren (besonders bei uns im Abendland: Rationalismus),
- schlechte Erfahrungen mit „Geistgesalbten“, Druck, Angst, die Kontrolle zu verlieren, Kleinglaube.
Aber: Missbrauch der Geistesgaben hebt den biblischen Befund und rechten Gebrauch nicht auf. Wir sollen allfällige „Gefahren“ nicht mehr fürchten als den Herrn selber.
ER gibt nur gute Gaben und ist betrübt, wenn wir sie nicht „abholen“.

 

Wege zur Geisterfüllung:
- Loslassen schlechter Erfahrungen und Misstrauen
- Sehnsucht und Freisetzung zulassen
- Hingabe

 

Damals und heute
Die Geisterfahrung an Pfingsten war eine Ersterfahrung, keine einmalige Erfahrung.
Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist sind dieselben damals wie heute. Der Vater gibt nur gute Gaben (Lk 11,12). Also: tiefes Gottvertrauen  ist Voraussetzung für Wachstum.
Wer durstig (sehnsüchtig) ist, komme und trinke … gratis ... ohne Vorleistung.
Der Befund in der Apg zeigt, dass sich immer wieder „Pfingsten“ an verschiedenen Orten bei verschiedenen Menschen ereignete nach der „Initialzündung“ jenes ersten Pfingsten in Jerusalem.
Es gibt also „ein Mehr“ für Jesusglaubende: Geisterfüllung oder „Geistestaufe“ ist gottgewollt (wobei ich letztere Bezeichnung wegen Missbrauch und Missverständnissen nicht so liebe). Geisterfüllung geschieht oft unter dem Hören der Jesusbotschaft - oder beim Gebet oder im Lobpreis.
Als begleitendes Zeichen ganzer Hingabe folgt meist das Sprachengebet (muss nicht, aber kann so sein): Joh 1,33: Apg 1, 5 und Apg 11,15-16 sowie Apg 19, 6.
Nach Eph 5,15-20 ist Geisterfüllung kein „Rausch“ oder vorübergehende „Begeisterung“ oder Strohfeuer - sondern Angebot und Gebot an alle Jesusglaubenden. Gerade in „böser Zeit“ eine Hilfe zum inneren Aufbau. Das muss kein einmaliges Ereignis sein, sondern ein dynamischer Prozess,  immer wieder nötig wie das Waschen und Salben.
Die Vorstellung eines leeren oder immer wieder zu leerenden Gefässes ist der Hintergrund. Dem „Ausleeren“ von Negativem folgt Erfüllung mit Heiligem Geist.
Das geschieht sowohl in geformten traditionellen Gebetsworten oder Psalmen oder in frisch, spontan improvisierten, inspirierten Lobgesängen.
Dieses „in Psalmen sprechen“ geschieht zuerst als persönlicher Zuspruch vom einen zum andern (Eph 5,19) - dann als Anrede an den Herrn (20) - die zu Anbetung führt - auch in neuen Dimensionen oder Sprachen. Der Gottesjubel im Herzen darf im Alltag dann über jeder Situation erhoben werden im Namen Jesu.
Jesus selber „jubelte im Heiligen Geist“ (Lk 10,21).
Sprachengebet kann im Herzen geschehen oder im Kämmerlein oder in der Gemeinde - mit oder ohne Worte oder in Melodien - in irdischen oder himmlischen Sprachen (1Kor 13,1)

 

Auswirkungen und Früchte „geniessen“
 Die Erfahrung zeigt, dass Beten oder Loben in Sprachen ein Schutzwall ist gegen Angriffe - denn der Feind kennt die Sprachen nicht und verzieht sich, wenn der Herr gross gemacht wird.
 Das Beten, Danken, Lobpreisen, Anbeten in Sprachen vereint uns aus verschiedenen Gruppen und Denominationen im Leib Jesu. Also ein Heilmittel gegen Spaltung.
 Das Beten im Geist überlässt dem Heiligen Geist die Kontrolle über eine undurchsichtige Situation oder in Ratlosigkeit  (Römer 8,26) und setzt Reden oder Eingreifen Gottes frei.
 Das Loben und Jubeln ohne Worte oder in neuen Sprachen im Geist verbindet uns mit der „höheren Schar“ der Seligen und Engel in der unsichtbaren Welt.
 So wird unser Lobgesang zum Vorgeschmack der himmlischen ewigen Liturgie mit Glaubenden aus allen Nationen, Sprachen und Gemeinden (Off 5,11-14 und 7,9-12).


Quelle: Publiziert CDK-Bulletin 3/2004

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