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Christliche Rituale sind Hoffnungsvoll

Von Ruedi Josuran

 

Rituale

Rituale sind für die Kommunikation wichtiger als Wörter für das Denken. Das fängt an bei der Begrüssung. Es macht einen Unterschied, wie ich Personen begrüsse: mit einer Umarmung, mit einem festen Händedruck, mit einem Kuss. Dabei spielt auch die Körperhaltung eine wichtige Rolle. Gesten, die ohne Wörter auskommen, die aber für uns ein wichtiges Ritual sind. Wie wir miteinander umgehen, ist in Ritualen festgelegt, ob im Familienkreis, im Arbeitsleben, in Gemeinschaft. Was ist also ein Ritual?

- Es ist von vornherein festgelegt

- eine Wiederholbare Handlung

- hat eine tiefere symbolische Bedeutung

Das Geschenk am Hochzeitstag in Form eines Blumenstrausses ist ein Ritual, denn es hat eine symbolische Bedeutung, nämlich die Liebe.

 

Rituale im Lebenskreis

Rituale helfen uns bei Lebensübergängen:

Wenn Kinder das Haus verlassen und das Ritual der Hochzeit fehlt, ist es wichtig, diesen Auszug zu feiern, den Neuanfang der Kinder in einem eben anderen Ritual bewusst zu gestalten. Auch eine Pensionierung soll man feiern. Ein Arbeitsleben loszulassen, sich in ein anderes Leben einzulassen, nicht hängen bleiben an der Vergangenheit, dabei kann man leicht das Leben übersehen. Jedes Ritual hilft uns, mit unseren Gefühlen umzugehen; dankbar zu sein für das Erreichte. Wir kennen alle auch Rituale in den Medien. Wie oft sehen wir in den Zeitungen Berichte über tragische Todesfälle, wo Menschen, egal welcher Religion sie angehören, am Unfallort Kerzen, Briefe, Blumen hinlegen, vielfach auch begleitet von einem Gebet. Rituale drücken unsere Ohnmacht und Traurigkeit aus, helfen uns darüber hinweg. Ein Ritual greift ein, wenn wir keine Worte haben oder keine brauchen. Verabschiedungsritual kann auch sein, den Sterbenden zu segnen, ihm zu danken, ihn gehen zu lassen. Die Begräbnisliturgie ist voll von Ritualen. Gerade beim Tod, beim Verabschieden brauchen wir Rituale, weil der Tod für uns unbegreiflich ist.

 

Rituale im Alltag

Den Tag bewusst beginnen, innehalten, sich bewusst Zeit nehmen. Auf dem Arbeitsweg innehalten, die Luft spüren, atmen, die Luft riechen. Gerade in einer sehr hektischen Arbeitswelt ist es wichtig, den Tag bewusst zu beginnen, Gott zu danken, zu spüren, er ist bei mir, zu spüren, dass wir gehalten sind. Dabei kann auch eine Morgenmeditation helfen.

Den Tag am Abend loslassen mit einem Ritual. Wenn die Kinder ins Bett gehen, den Tag abgeben, das Kind segnen: Gott behüte dich durch die Nacht bis zum Morgen. Ich kann das Kind entlassen, gebe es in Gottes Obhut. Ich kann den Tag abschliessen, wende mich dem Kind zu. Der Glaube hilft uns, etwas abzugeben, loszulassen, die Verantwortung abzugeben, ich kann nicht überall und immer da sein.

 

Rituale im Jahreskreis

Auch die Jahreskreisfeste sind verknüpft mit dem Kirchenjahr, mit all seinen Ritualen. Frühlingsanfang verknüpft mit Ostern, wo alles wieder neu beginnt, alles im Werden und Wachsen ist. Weihnachten mit all seinen Kerzen. Gerade in der Zeit, wo wir Licht brauchen. Christliche Rituale sind hoffnungsfroh. Liturgie ist wie eine Brücke. Wir gehen über die Brücke in Gottes Wirklichkeit, wo wir Gott spüren, wo uns Gott auf dieser Brücke entgegen kommt. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, wie sehr ihr Leben von Ritualen geprägt ist und wie hilfreich sich diese in bestimmten Lebenssituationen auswirken. Die Psychologie ist sich dieser Wirkung schon längst bewusst. Im übrigen sind Rituale jedem von uns im Alltagsleben geläufig, häufig werden sie unbewusst praktiziert. Rituale schaffen ein Wir-Gefühl und damit einen Raum, in dem Gefühle zum Ausdruck kommen können, die sonst kaum einmal mitgeteilt werden. Das Wissen um bestimmte, verlässlich wiederkehrende Rituale ermöglicht ein bewusstes Sich-Öffnen und schafft Vorfreude. Rituale können aber auch Ängste abbauen. Die Psychotherapie kennt eine Vielzahl solcher Möglichkeiten. Rituale schaffen nicht zuletzt Freiräume für die Beschäftigung mit sich selbst, für die eigene Identitätsfindung. Sie helfen dem Menschen, selbst zu leben, anstatt von aussen „gelebt zu werden“. Es gilt den Schatz, den wir in unserer christlichen Tradition haben, auch zu pflegen, zu hinterfragen und immer wieder neu zu reflektieren und zu deuten. Wir brauchen eine neue Kultur, diese Rituale zu feiern, dass sie die Herzen der Menschen berühren und ihre tiefsten Sehnsüchte ansprechen. Natürlich gibt es bedauerlicherweise auch so etwas wie einen Missbrauch von Ritualen. Totalitäre Systeme haben Rituale als Machtinstrument zur Manipulation von Menschen benutzt. Und es geht darum, die kirchlichen Rituale von ihrer oft unverständlichen Hülle zu befreien und in ihrer heilenden und befreienden Kraft neu zu entdecken. Ich möchte Sie dazu ermuntern, bewusst Rituale zu schaffen, um das Leben zu gliedern und in eine begreifbare, erlebbare Ordnung zu bringen. Rituale können dazu helfen, Türen zu schliessen, bevor andere geöffnet werden. Sie strukturieren den Tag, das Jahr, das Familien- und das Arbeitsleben, sie tun der Seele gut, sie schaffen eine Kultur des Miteinanders, die das Leben bereichert.

 

Quelle: Publiziert CDK-Bulletin 1/2007

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