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Wesen und Bedeutung der Diakonie heute

Von Michel Pickmann

 

Ich begrüsse Sie recht herzlich zu dieser Tagung. Ich werde heute Morgen zwei Grundsatzreferate halten, wobei mir die Aufgabe gestellt wurde, im ersten Referat Aussagen über das Wesen und die Bedeutung der Diakonie zu machen. Im zweiten Referat werde ich darauf zu sprechen kommen, wie die Diakonie von Morgen aussehen wird. Also Sie sehen, wir haben einen anspruchsvollen Parcours zu absolvieren, und ich hoffe, dass Sie durch meine Gedanken angeregt und ermutigt werden. Ich kann Ihnen jetzt schon sagen: Diakonie ist etwas, was mich seit vielen Jahren schon begeistert, und ich hoffe, dass ich Ihnen dadurch nicht nur trockene Materie, sondern etwas aus meinem Herzen mitteilen kann.

 

Gut, lassen Sie mich beginnen. Vor noch gar nicht langer Zeit erschien in der Schweizerischen Aerztezeitung folgende Geschichte. Ein Mann bekam eines Tages Nasenbluten. Leider hatte sein Hausarzt die Praxis gerade geschlossen, sodass der Mann das in der Nähe liegende Bezirksspital aufsuchte. Der anwesende Assistenzarzt untersuchte den Mann, hatte aber offenbar noch zu wenig Erfahrung um das Nasenbluten zu stoppen. Er wies den Mann ins nächstgelegene Regionalspital ein, wo dann ein Kollege mit etwas mehr Erfahrung eine Nasentamponade einlegen konnte. Der Oberarzt fand dann, dass der Mann zwecks Ueberwachung eine Nacht im Spital verbringen sollte. Am nächsten Morgen konnte der Mann dann ohne weitere Probleme austreten und nach Hause gehen. Als er die Rechnung erhielt, traf ihn allerdings fast der Schlag. So wurde ihm vom Bezirksspital eine HNO-Pauschale über etwa eintausendfünfhundert Franken verrechnet. Die gleiche Pauschale wurde vom Regionalspital ebenfalls verrechnet, sodass die Stillung einer gewöhnlichen Nasenblutung den Mann mehr als fünftausend Franken kostete. Die Krankenkasse gab die Auskunft, das dies alles richtig sei. Der Hausarzt reagierte, als der Mann ihm die Geschichte später erzählte, mit Unverständnis – bei ihm hätte das ganze Prozedere, übrigens eine Routineangelegenheit für jeden Hausarzt, etwa eine halbe Stunde gedauert, die Kosten hätten nicht mehr als vielleicht zweihundertfünfzig Franken betragen.

Ich erzähle Ihnen noch eine zweite Geschichte. Sie stammt aus der Bibel, genauer aus dem zehnten Kapitel des Lukasevangeliums. Da heisst es vom barmherzigen Samariter, der unterwegs einen Schwerverletzten am Boden liegen sah: Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Oel und Wein und verband sie. Dann setzte er ihn auf sein eigenes Reittier und brachte ihn in das nächste Gasthaus, wo er sich weiter um ihn kümmerte. Am anderen Tag zog er seinen Geldbeutel heraus, gab dem Wirt zwei Silberstücke und sagte: «Pflege ihn! Wenn du noch mehr brauchst, will ich es dir bezahlen, wenn ich zurückkomme.»

 

Sie haben sicher bemerkt, dass in der ersten Geschichte der Patient respektive seine Krankenkasse die Kosten tragen musste, währenddem in der zweiten Geschichte die Kosten eben nicht vom Patienten, sondern vom barmherzigen Samariter selber über-nommen wurden. Mit der Frage, was Krankheit respektive Gesundheit heute eigentlich kostet, und wer diese Kosten bezahlt, sind wir bereits mitten in einem heissen Thema. Doch lassen Sie mich in meinem zweiten Referat auf diesen wichtigen Aspekt zurückkom-men. Zuerst geht es ja darum, zu verstehen, was Diakonie ist, und welche Bedeutung sie in der heutigen Zeit hat.

Aus beiden erwähnten Geschichten können wir aber auch etwas gemeinsames erkennen: Diakonie und heutiges Gesundheitswesen sind, äusserlich gesehen, gar nicht so weit voneinander entfernt. Beide haben es sich zur Aufgabe gemacht, sozial Schwächeren, kranken und behinderten Menschen zu helfen. Auch beim barmherzigen Samariter ging es um eine fachgerechte Behandlung – er behandelte die Wunden mit Oel und Wein und verband sie. Dann ging es ebenfalls um den Aufenthalt in einem Spital, das allerdings damals ein Gasthaus war, da es die Spitäler noch nicht gab. Und es ging um Pflege. Und schlussendlich kostete das Ganze auch etwas. Trotz äusserlicher Gemeinsamkeiten gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen Diakonie und staatlichem Gesundheitswesen. Diakonie ist christlich motiviert und weist auf Christus hin, das staatliche Gesundheitswesen ist humanistisch begründet und will, dass es möglichst vielen Bürgern körperlich und seelisch gut geht. Wir möchten uns im folgenden mit der Diakonie befassen. Lassen Sie mich deshalb auf einige geschichtliche Ereignisse zurückblenden, damit wir das Wesen der Diakonie etwas besser verstehen können.

 

Wie Sie sicher wissen, leitet sich der Begriff «Diakonie» aus dem altgriechischen Wort «diakonia» ab und heisst so viel wie «Dienen.» Im Buch der Apostelgeschichte, das ja bekanntlich von einem Arzt verfasst wurde, lesen wir im sechsten Kapitel, dass die Apostel zuviel Arbeit hatten und nicht auch noch dafür schauen konnten, dass alle die Menschen, die sich um sie gescharrt hatten, genügend Lebensmittel erhielten. So wählten sie, ich zitiere, „sieben Männer mit  gutem Ruf, die ihr Leben ganz vom Heiligen Geist bestimmen lassen und wissen, was zu tun ist“. Doch woher kam dieses Wissen? Die Apostel und auch viele andere Menschen lebten ja zum Teil während mehrerer Jahre in der Nähe von Jesus, der sie lehrte, wer Gott ist und wie sie mit anderen Menschen umgehen sollten. Jesus selber hatte ein diakonisches Leben geführt. Er hat Diakonie verstanden als Ausrichtung des gesamten Lebens auf die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen hin. Diese Ausrichtung lebte er konsequent, indem er sich in besonderer Weise für die Armen, Entrechteten und Kranken engagierte. In einem Gleichnis erzählte er von diesen Werten und knüpfte sogar die Frage nach der christlichen Errettung daran, abhängig davon ob diese Werte gelebt werden oder nicht. Ich zitiere aus dem fünfundzwanzigsten Kapitel des Matthäusevangeliums: «Denn als ich hungrig war, habt ihr mir zu essen gegeben. Als ich Durst hatte, bekam ich von euch etwas zu trinken. Ich war ein Fremder bei euch, und ihr habt mich aufgenommen. Ich war nackt, ihr habt mir Kleidung gegeben. Ich war krank, und ihr habt mich besucht. Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. Kommt her! Euch hat mein Vater gesegnet. Nehmt die neue Welt Gottes in Besitz, die er seit Erschaffung der Welt für euch als Erbe bereithält!». Jesus als Sohn Gottes lebte seinen damaligen Jüngern auf revolutionäre Weise vor, dass echte Nächstenliebe bedeutet, sich um die Bedürfnisse anderer Menschen tatkräftig zu kümmern. Jesus hat den Menschen als ganzheitliches Wesen gesehen in dem Sinn, dass er aus Geist, Körper und Seele besteht. Deshalb genügte es ihm nicht, den Leuten einfach nur davon zu erzählen, dass später ein-mal, im Paradies, alles besser werden würde. Er war im wahrsten Sinn ein Diener, ein Diakon für seinen Vater im Himmel und für die Menschen auf der Erde. Er opferte sich selber, damit diejenigen, die auch heute noch an ihn glauben, Vergebung ihrer Sünden und ewiges Leben erhalten. Wenn Jesus Menschen heilte, befreite, ihnen Gutes tat, so ging es ihm nicht nur darum, dass es den Menschen auf dieser Welt besser ging, sondern es ging ihm letztendlich um das ewige Leben. Heilung und Befreiung sollten ein Vorgeschmack der neuen Welt bei Gott sein. Für Jesus begann das ewige Leben bereits auf dieser Erde, und nicht erst nach dem Tod. Das bedeutete auch, dass das Handeln oder nicht Handeln Konsequenzen für das ewige Leben haben sollte. Ich glaube, es ist für uns Menschen nur schwer zu verstehen, wie tief diese Liebe ist, die Jesus auch heute noch für die Menschen auf dieser Welt hat. Sich aufopfern für andere Menschen, sich hingeben, sogar den eigenen Tod in Kauf zu nehmen – das kann man nur annähernd verstehen, wenn man selber diesen Jesus erlebt, und zwar Tag für Tag. Wenn man erlebt, dass dieser Jesus einem Schuld vergibt, dass er einem weiterhilft, wo man ansteht, dass er Bitterkeit im Herzen verwandelt in Dankbarkeit, dass er einem Freude schenkt. Jesus, der heute durch den Heiligen Geist in demjenigen Menschen wohnt, der Ja zu Jesus gesagt und ihn im Herzen aufgenommen hat. Dann geschieht das, was die Bibel mit Wiedergeburt bezeichnet: Der Geist von Jesus wird in den Menschen hinein geboren. Deshalb auch sollten die Diakone im Bericht von Lukas Männer sein, die ihr Leben ganz vom Heiligen Geist bestimmen liessen. Denn der Heilige Geist ist es, der die Liebe Gottes in das menschliche Herz hineingiesst.

Wir müssen verstehen, dass diakonisches Handeln sich nicht nur auf den Körper und die Seele bezieht. Nein, diakonisches Handeln hat letztendlich auch die Aufgabe, den Menschen in eine Heilung des Geistes hineinzuführen. Die kürzeste Beschreibung dessen, was Diakonie ist, finden wir bei der Heilsarmee, die das ganze auf den Punkt bringt mit den Begriffen Soup, Soap und Salvation. Suppe, Seife und Seelenheil. Es war die Heilsarmee, die zu einer Zeit, als sich noch kaum jemand um heruntergekommene Landstreicher und Bettler kümmerte, diesen warme Mahlzeiten gab, und eben auch Seife, Kleider, ein Bett, damit sie wieder etwas an Menschenwürde gewinnen konnten. Und sie erzählten ihnen auch vom Evangelium mit dem Ziel, dass Menschen sich bekehrten, um eben auch im geistlichen Bereich Heilung zu finden.

Also, noch einmal: Aeusserlich gesehen sind sich Diakonie und auf humanistischer Basis ausgerichtetes soziales Handeln in vielem ähnlich. Der grosse Unterschied besteht jedoch darin, dass die Diakonie in Uebereinstimmung mit der Bibel den Menschen auch als ein geistliches Wesen sieht. Dies entspricht übrigens dem jüdischen Denken, das aus der Thora lehrt, dass der Mensch Körper ist, dass er Seele ist – und dass er Geist ist. Demgegenüber ist der Humanismus nur auf das Hier und Jetzt ausgerichtet.

Wenn wir das Wesen der Diakonie betrachten, so kommt dieses nirgends tiefer zum Ausdruck als dort, wo Menschen anderen Menschen in einer in Gott begründeten Liebe begegnen und um die Verlorenheit wissen für diejenigen, die keine Beziehung zu Jesus, dem Sohn Gottes, haben. Dieses Ringen darum, dass Menschen zu Jesus finden, dass sie Vergebung ihrer Sünden erfahren, dass sie eine neue Perspektive für ihr Leben finden – das alles ist für die Diakonie letztendlich der zentrale Punkt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Menschen zu etwas gezwungen werden sollen, zu dem sie nicht ja sagen können. Diakonie beinhaltet immer auch die Möglichkeit, dass Menschen nein zu Gott sagen. Das heisst, viele begnügen sich mit Soup und Soap und gehen an der Salvation vorüber. Diese Spannung auszuhalten ist nicht immer leicht. Es geht nicht, dass Diakonie sich nur auf das Geistliche beschränkt, anderseits darf sie auch nicht nur Sozialarbeit sein.

 

Die Voraussetzung für diakonisches Handeln ist, dass ich selber Gottes Liebe in meinem Leben erfahren habe, und täglich neu erfahre. Was ist Liebe überhaupt? Die Bibel beschreibt diesen Begriff im dreizehnten Kapitel des ersten Briefes an die Korinther so: Die Liebe ist geduldig und gütig. Die Liebe eifert nicht für den eigenen Standpunkt. Sie prahlt nicht und spielt sich nicht auf. Die Liebe nimmt sich keine (selbstsüchtigen) Freiheiten heraus, sie sucht nicht den eigenen Vorteil. Sie läßt sich nicht zum Zorn reizen und trägt das Böse nicht nach. Sie ist nicht schadenfroh, wenn anderen Unrecht geschieht, sondern freut sich mit, wenn jemand das Rechte tut. Die Liebe gibt nie jemanden auf, in jeder Lage vertraut und hofft sie für andere. Alles erträgt sie mit großer Geduld. Niemals wird die Liebe vergehen. Diese Beschreibung drückt etwas vom Charakter von Gott aus, in dem wir väterliche und mütterliche Eigenschaften finden. Wenn ich diese Liebe in meinem Leben zu spüren, zu erleben beginne, so werde ich an meinem inneren Menschen genährt. Und der nächste Mensch um mich herum wird mir wichtiger. Wer Liebe erlebt, kann Liebe weiter geben. Es wäre schön, wenn die Christen mehr Gewicht darauf legen würden, in einem gewissen Sinn durchsichtig zu werden, damit dieses helle Licht der Liebe Gottes durch sie noch mehr hindurchscheinen könnte, damit es in ihrer Umgebung heller wird. Dadurch ent-steht eine Haltung, die etwa so aussieht: Ich bin Gott wichtig, und deshalb wird der Nächste mir wichtig.

Diese Haltung Gott und Menschen gegenüber wurde in den vergangenen zweitausend Jahren Kirchengeschichte mehr oder weniger deutlich gelebt. Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert erlebte die Diakonie ihre Blütezeit im Aufkeimen des Pietismus, einer Strömung innerhalb der christlichen Kirche, die den Herzensglauben wieder neu betonte im Gegensatz zu einer erstarrten, auf äussere Traditionen und Einhaltung bestimmter Gesetze bedachten Kirche, die vielerorts vom Humanismus und von politischen Machtinteressen unterhöhlt war. Dazu kam, dass das Sozialwesen in Europa, so wie wir es heute kennen, noch kaum vorhanden war. Anderseits strömten aber im Zug der beginnenden Industrialisierung Menschen in die grossen Städte mit der Erwartung, Arbeit und damit ein finanzielles Auskommen für ihre Familien zu finden. Doch viele wurden enttäuscht, es sammelte sich in den Städten Armut und Elend an. Die damaligen Regierungen waren nicht vorbereitet, einem Elend von solchem Ausmass zu begegnen. Zum Beispiel in Basel war es noch um 1890 so, dass im sogenannten „minderen“ Basel, also im Kleinbasel, die Arbeiter der Seidenbandfärbereien mit ihren Familien in schlimmen hygienischen und räumlichen Verhältnissen leben mussten. Dadurch kam es zu bekannten Erscheinungen wie Typhusepidemien, Tuberkulose, Rachitis und so weiter. Viele Männer vertranken in den damaligen Bierhallen fast den gesamten Lohn, den sie jeweils am Freitag ausbezahlt bekamen, sodass die Familien kaum über die Runden kamen und Hunger litten. Auf der anderen Seite war Basel damals noch eine „fromme Stadt“ und weithin bekannt für ihr lebendiges Glaubenszeugnis. So erstaunt es auch nicht, dass gerade in Basel mehr als anderswo diakonisches Handeln entstand und von der Stadtregierung gefördert wurde. Wir können in der Geschichte der Diakonie sehen, dass es immer wieder die Initiative einzelner Frauen und Männer war, die diakonische Werke gründeten, um den Nöten der Menschen begegnen zu können. Diesen Pionieren genügten die bestehenden kirchlichen Aktivitäten nicht angesichts der gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Bevölkerung. Ich möchte aus vielen Beispielen den damals in Basel wirkenden Christian Friedrich Spittler herausgreifen. Es soll uns ermutigen, auch in der heutigen Zeit diakonisches Denken und Handeln zu praktizieren.

 

Spittler lebte von 1782 bis 1867. Mit neunzehn Jahren kam er aus seiner schwäbischen Heimat nach Basel als Sekretär der „Deutschen Christentumsgesellschaft“. Diese Gesellschaft hatte es sich zum Ziel gesetzt, christliches Denken und Handeln zu fördern in einem Europa, das sich zunehmend als aufgeklärt, liberal und von der Kirche distanziert verstand. Spittler hatte ein feines Gespür für die sozialen und geistlichen Nöte seiner Umgebung. Gleichzeitig verstand er es, die Dinge praktisch anzugehen und Lösungen zu finden. Spittler wird bei seiner Ankunft in Basel so geschildert: „Voll jugendlicher Kraft und feuriger Begeisterung für alles Gute und Schöne, ohne besondere wissenschaftliche Bildung, aber mit ausgesprochener Begabung für die Verfolgung praktischer Ziele und von unerschöpflicher Erfindergabe, der es niemals weder an Plänen noch an Mitteln zur Ausführung gebrach“. Aeusserlich besehen hatte Spittler immer ein überaus geordnetes Biedermeierleben geführt. Er ernährte sich und seine Frau durch seine Tätigkeit bei der Christentumsgesellschaft, lebte im „Fälkli“, einer uralten Augustinerherberge unter dem Münsterplatz und sorgte sich um die praktischen Dinge des täglichen Lebens. Typisch für ihn war, dass er keines seiner gegründeten Werke selber leitete, sondern lediglich als Visionär etwas ins Leben rief und andere Leute einsetzte, die dann die eigentliche Arbeit taten. Dadurch gelang es Spittler, eine grössere Anzahl von Werken zu gründen, wobei er seine Ziele mit grosser Zähigkeit verfolgte. 1815 gründete er die Basler Mission, was seinem Lieblingsplan entsprach. Die Idee, dass von Basel aus das Evangelium in die ganze Welt hinausgetragen würde, war für ihn absolut bestechend. Obwohl sich ihm viele wohlmeinende Ratgeber in den Weg stellten und ihn von einem solchen Schritt abzuhalten versuchten, ging er, wie man heute sagen würde, seinen eigenen Weg und wartete auf diejenigen, die ihn begleiten wollten. Spittler war wohl ein Pionier, aber kein Draufgänger. Dazu war er zu sensibel und hörte im Gebet zu sehr auf Gottes Stimme. Interessanterweise war er sehr offen für Kontakte und Beziehungen zu verschiedensten Personen. So erstaunt es nicht, dass er Kontakte pflegte zu einer russischen Weltdame, die sich bekehrt hatte und in der Folge durch Europa reiste und mit hypnotisierenden Ansprachen an die Massen versuchte, die Menschen zu Christus zu bekehren. Allerdings soll er dabei folgendes gesagt haben: „Ich stimme für das Stille, ruhige, Geprüfte und Feste im Christengang und möchte neben den Gerichten auch das viele Gute rühmen, das der Herr an uns armen Sündern tut. Das beständige Jammern und Klagen, Beten, Fasten und Kreuzmachen kann am Ende auch Gewohnheit werden“. Spittler, der geniale Gründer, dem nie die Ideen ausgingen, der einen untrüglichen Spürsinn für das Wesentliche und Notwendige besass, gründete nicht nur grosse Werke wie das Missions- und Gemeindewerk Sankt Chrischona, oder eben die Basler Mission. Was viele nicht wissen, ist, dass Spittler auf der damaligen Schorenmatte am Wiesenfluss im Kleinbasel ein Haus kaufte und daraus eine Herberge für Mägde machte. Er richtete dort eine Wäscherei ein, wo jährlich bis zu tausend junge, stellenlose Mädchen eine sinnvolle Arbeit fanden, um dann weitervermittelt werden zu können. Daneben wurde eine besondere Abteilung von alten, nicht mehr arbeitsfähigen Mägden bewohnt. Damals gab es noch keine AHV, niemand schaute für die alten Frauen, wenn sie ausgedient hatten. Aber Spittler war ein aufmerksamer Beobachter, ihm entgingen im Gegensatz zu so vielen Christen der damaligen Zeit solche Details nicht. So wird auch überliefert, dass Spittler eines Tages auf seinem gewohnten Spaziergang durch Bettingen in der Nähe von Basel  darauf aufmerksam wurde, wie insbesondere die vorschulpflichtigen Kinder sich auf den Strassen herumbalgten, sich und Passanten mit Steinen bewarfen und sich an jedes Fuhrwerk hingen, das vorbeifuhr. Spittler nahm Kontakt mit dem Gemeinderat auf, erhielt aber keine Antwort auf seine Bitte, diese Zustände zu verändern. Spittler begann dann zu handeln, als ein kleines Kind von einem Fuhrwerk tödlich überfahren wurde. Kurz entschlossen sammelte er in Basel Geld für eine Bettinger Kleinkinderschule und eröffnete den ersten Kindergarten am Ort.

Spittler entgingen die Zustände am damaligen Basler Spital nicht. Diese waren ja stadtbekannt, bloss konnte oder wollte niemand etwas ändern. Was nützte die damalige ärztliche Kunst, wenn es zu wenig Pflegerinnen gab, und wenn von diesen nur wenige ausgebildet waren in praktischer Krankenpflege. Spittler lernte damals den Diakonissenvater Fliedner aus Kaiserswerth kennen, lud ihn auf dessen Durchreise durch Basel ein und liess ihn zu verschiedenen damaligen Basler Persönlichkeiten sprechen. Der Erfolg war ansehnlich. Es meldeten sich verschiedene Töchter, die bereit waren, im Rahmen einer verbindlichen Gemeinschaft eine Pflegerinnenausbildung zu absolvieren und mit ihren Kenntnissen später in einem Spital zu arbeiten. Was tat Spittler? Er eröffnete 1852 in einem früheren Knabenpensionat in Riehen bei Basel das Mutterhaus der Riehener Schwestern, liess ein kleines Spital erbauen und suchte einen geeigneten Arzt. Die Auswahl der geeigneten Persönlichkeit war wieder typisch für Spittler. Er schrieb keine Stelle aus, unterbreitete der Spitalkommission keine Vorschläge, nein, Spittler ging seinen bewährten selbständigen und fromm-eigensinnigen Weg. Auf der Strasse traf er den jungen Doktor Burckhardt aus Riehen zu Pferd. Der grüsste höflich und wollte weiter reiten, wurde aber mit den beschwörenden Worten überfallen: „Sie müssen unser Diakonissenarzt werden!“ Er wurde es. Das Gemeindespital von Riehen ist zwar unterdessen in öffentliche Hand gelangt, ist aber weiterhin ein wichtiges Spital. Es gäbe noch so vieles zu weiteren Gründungen zu sagen, nur noch das: Die wenigsten wissen wohl, dass Spittler zusammen mit etlichen Freunden aus dem grossen Geschenk einer wohltätigen Baslerin den Grundstein zum Kinderspital legte, in welchem unbemittelte kranke Kinder umsonst unterkommen konnten.

 

Fassen wir das wesentliche dieser Persönlichkeit zusammen, das auch heute noch Gültigkeit hat. Spittler nahm die Probleme seiner Zeit nicht nur wahr, sondern er sah als Visionär bereits plastisch die entsprechenden Lösungen vor sich. Ständig in finanziellen Schwierigkeiten, erbettelte er sich das Geld, indem er fast pausenlos Leute ansprach, von denen er wusste, dass sie Geld besassen. Er berief geeignete Leute, setzte sie ein und befasste sich bereits mit dem nächsten Projekt. Wissen Sie, das macht mir so grossen Eindruck. Eine Persönlichkeit, die sich im Herzen berühren liess durch die Nöte der Zeit, wohl betete, dabei aber nicht stehen blieb, sondern einfach voranging. Spittler hatte ein grosses Beziehungsnetz, und er hatte offensichtlich eine Art mit den Leuten zu reden, die man heute vielleicht als dramatisch oder etwas fanatisch bezeichnen würde. Aber er hatte Erfolg, weil er nicht nur an seine eigenen Ueberzeugungen glaubte, sondern einen tiefen Herzensglauben an Jesus hatte, was in seiner Umgebung hauptsächlich die beiden Reaktionen auslöste, dass die einen ihn als Spinner betrachteten, die anderen aber den Wert seiner Ideen erkannten und ihm halfen, seine Projekte zu verwirklichen. Interessanterweise ist dies bis heute so geblieben, dass neue diakonische Initiativen nicht in der Kirche selber, sondern ausserhalb davon entstanden sind. Dies erzeugt eine Spannung, die es sowohl für die Kirche wie auch für die Diakonie gilt, auszuhalten. Beide sind aufeinander angewiesen. Diakonie ohne klare evangeliumsgemässe theologische Grundlage verliert unweigerlich ihre Spiritualität und wird säkular. Und Kirche ohne Diakonie wird zu einer Art Arche Noah, die wartet, bis alles Leid vorbei ist.

 

Stellen wir uns zum Schluss noch die Frage nach der Bedeutung der Diakonie in einer modernen, aufgeklärten, atheistischen Welt. Braucht es Diakonie heute noch? Ja natürlich! Denken wir nur an diakonische Einrichtungen wie die Heilsarmee, das Blaue Kreuz, die Diakonieverbände wie etwa der Diakonieverband Ländli, den Pfarrer Sieber und seine Sozialwerke, die Stiftung Wendepunkt mit all ihren Projekten, die Stiftung Job Factory und ihrem Bestreben nach einer Eingliederung junger Menschen in die Arbeitswelt und so weiter und so weiter.

Wenn man im Sozialkompass der Stadt Basel nachschaut, so findet man unter dem Stichwort «Alkoholismus» dreizehn Institutionen, die im Bereich der Alkoholabhängigkeit tätig sind. Davon sind sechs Institutionen diakonische Einrichtungen. Sucht man aber unter dem Stichwort „Asylsuchende“, so findet man von elf Institutionen lediglich eine diakonische Institution, den ökumenischen Seelsorgedienst für Asylsuchende der Region Basel. Vielleicht mag dies einen Trend aufzeigen, dass in altbekannten Themen wie Alkoholismus die Diakonie stärker vertreten ist als in neueren Themen wie Ausländerarbeit und Integration. Hier dürfte von christlicher Seite her noch mehr diakonisches Denken und Handeln erwartet werden. Die Landschaft der Diakonie ist schweizweit nicht einheitlich gegliedert, sondern findet sich in zahlreichen zum Teil traditionellen Werken und kleineren privaten Initiativen.

Und denken wir an die Bedeutung der sogenannten äusseren Mission mit ihren vielen Spital- und Gesundheitsprojekten in der dritten Welt. Ich war für einige Jahre Vereinspräsident von «Christen im Dienst an Kranken» (CDK), einem Werk das Teil der internationalen Arbeit «Healthcare Christian Fellowship International» (HCFI) ist, die seit über 70 Jahren existiert und heute in mehr als 110 Ländern der Welt präsent ist. Ich lernte vor 20 Jahren den heute verstorbenen Gründer Francis Grimm kennen und war beeindruckt, auf welche Art er Evangelisation und Diakonie zusammenbringen konnte. Seine visionäre Feststellung «Mehr Menschen gehen durch die Spitäler dieser Welt als durch die Kirchen» hat zentralen und zukunftweisenden Charakter. Irgendwann in ihrem Leben kommen die meisten Menschen einmal in ein Spital. Oftmals sind sie in einem solchen Moment existentiell betroffen, machen sich Gedanken über ihr Leben und suchen das Gespräch.
 
Solange es die Kirche gibt, solange wird es Menschen geben, die hinausgehen und anderen Menschen durch gelebte Nächstenliebe helfen wollen. Und so lange wird Diakonie weiterhin bedeutungsvoll bleiben, nicht nur in der dritten Welt, sondern auch in Europa.

 

Quelle: 1. Referat CDK Kongress 2007 in Thun

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