Wie wird Diakonie von Morgen aussehen?
von Michel Pickmann
Im ersten Referat haben wir uns ja mit dem Wesen und der Bedeutung der Diakonie auseinandergesetzt. Dabei ging es um Vergangenheit und Gegenwart. Nun möchte ich im zweiten Referat auf mögliche Zukunftsperspektiven eingehen und dabei auch die Frage nach den Kosten in meine Ueberlegungen miteinbeziehen. Der Titel der Tagung lautet ja: „Diakonie: Heilmittel gegen das finanzielle Desaster?“ Allerdings ist es mir auch wichtig, die Diakonie nicht nur aus der Sicht des Gesundheitswesens heraus zu betrachten. Die Diakonie ist ja auch in Gebieten anzutreffen, in denen nicht die Kranken- und Sozialversicherungen Kostenträger sind, sondern die öffentliche Hand, also etwa die Sozialhilfe, und natürlich auch private Organisationen und Geldgeber.
Nun ja, wie wird die Diakonie von Morgen aussehen? Grundsätzlich beschäftigt uns ja alle die Frage, wie die Welt von Morgen aussehen wird. Allerdings, um etwas über die Zukunft aussagen zu können, muss man in erster Linie wichtige Trends der Gegenwart erkennen und beurteilen. Es geht also darum, in welchem Licht wir Ereignisse und Zustände in der Gegenwart sehen, um beurteilen zu können, wie sie sich weiterhin entwickeln werden. Dazu können wir uns auch mit der Vergangenheit auseinandersetzen und uns fragen, ob es ähnliche Trends früher schon gegeben hat und wie sie sich entwickelt haben. Da die Welt immer vernetzter und dadurch immer kleiner wird, können wir bestimmte Trends nicht nur isoliert für die Schweiz betrachten, wir müssen sie als weltweite Erscheinungen erkennen. Ich möchte nun im folgenden auf sechs wichtige Trends eingehen, die aus meiner Sicht für die Diakonie der Zukunft in unserem Land von Bedeutung sind:
Erstens: Die Veränderung der Wirtschaft im Rahmen der Globalisierung. Zweitens: Die Migrationsbewegungen unserer Zeit. Drittens: Die tiefgreifenden Veränderungen in unserer Gesellschaft. Viertens: Der Zustand und die Entwicklung unseres Gesundheitswesens. Fünftens: Die Zunahme bestimmter Erkrankungen. Sechstens: Der Zustand und die Entwicklung der Kirchen. Anhand dieser Trends möchte ich dann eine Diakonie postulieren, die sich an christlichen Werten orientiert und dabei auch kostengünstig und effizient sein könnte.
1. Die Veränderung der Wirtschaft im Rahmen der Globalisierung. Wie wir alle wissen, lag Europa 1945 in Scherben, auch wirtschaftlich. IN den meisten Staaten musste die Wirtschaft zum Teil neu aufgebaut oder wieder angekurbelt werden. Es fehlte zum Beispiel an Nahrungsmitteln, da während der Kriegsjahre die meisten Ressourcen in den Dienst der Kriegsindustrie gestellt wurden. So befanden sich die wehrfähigen Männer in der Armee und kehrten oftmals als Invalide oder gar nicht mehr nach Hause zurück. Weltweit beklagte man am Ende des Krieges 55 Millionen Tote. Doch was niemand gedacht hätte, Europa blühte innerhalb weniger Jahre wirtschaftlich wieder auf und in den 60er-Jahren sprach man vom Wirtschaftswunder. Erstmals in der Menschheitsgeschichte wurde der Wohlstand für die breiten Massen in Europa eine Tatsache. Es schien an nichts mehr zu fehlen. So entwickelte sich auch in der Schweiz der neue Wohlstand, der es ermöglichte, unsere Sozialversicherungssysteme so auszubauen, dass es theoretisch gesehen keine materielle Armut mehr geben konnte. Die Alters- und Hinterbliebenenversicherung, die Invalidenversicherung, die obligatorische Krankenversicherung und der Ausbau der Sozialhilfe sorgen bis heute dafür, dass niemand mehr verhungern muss. Doch die Wirt-schaft eines jeden Landes wurde immer komplexer und abhängiger von der Weltwirtschaft, und es wurde mit der Zeit auch dem kleinen Bürger bewusst, dass individueller Wohlstand abhängig ist von einer Wirtschaft, die stetig wachsen muss, um den erreichten Wohlstand zu sichern. In den 80er-Jahren wurden die grossen globalen wirtschaftlichen Umwälzungen langsam sichtbar, und in der Zwischenzeit haben wir uns daran gewöhnt an immer gleich lautende Medienmitteilungen, dass der Konzern X vom Konzern Y aufgekauft wurde und es zu soundsoviel Entlassungen kommen würde. Oder dass die Produktion in Billiglohnländer ausgelagert worden sei. Zunehmend ist sichtbar geworden, dass arbeiten können zu einem Privileg geworden ist, das im Durchschnitt in den europäischen Ländern für 10% der Erwerbstätigen nicht mehr zutrifft. In der Schweiz ist die Situation ja noch moderat, wenn wir von zwei bis vier Prozent Arbeitslosen reden müssen. Aber wer genau hinschaut, erkennt, dass es wesentlich mehr Langzeitarbeitslose gibt, die inzwischen in keiner Statistik mehr erscheinen, da sie ausgesteuert und längst bei der Sozialhilfe gelandet sind. Stattdessen haben wir bei der Invalidenversicherung seit 1992 eine Verdoppelung der Rentenbezüger zu verzeichnen. Was machen wir mit den vielen Langzeitarbeitslosen, mit den vielen Rentenbezügern, die oftmals keinen Lebensinhalt mehr haben und sich schuldig fühlen, weil sie finanziell von der Gesellschaft mitgetragen werden müssen und sich nicht mehr als Teil dieser Gesellschaft erleben? Dieser Trend wird weitergehen. Es gibt Experten, die davon reden, dass mit der Zeit 30% der Erwerbstätigen keine Arbeit mehr hätten, und dass man sich daran gewöhnen müsse, dass dies zur Normalität werde. Ausserdem ist der Arbeitsplatz für Viele zu einem Ort der Ueberforderung geworden. Statt Befriedigung bei der Erledigung der Arbeit zu erfahren, entsteht Stress durch Ueberstunden und ein Uebermass an Arbeit. Fazit: Die Arbeit als bedeutender Sinn und Zweck des Lebens wird noch mehr wegfallen als bisher. Es braucht in Zukunft alternative Arbeitsplätze.
2. Die Migrationsbewegungen unserer Zeit. In den letzten 50 Jahren ist unter anderem aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwungs im Westen ein immer grösserer Graben entstanden zwischen reichen westlichen Ländern und armen Ländern in anderen Regionen der Welt. Waren es früher Italiener, Spanier und Portugiesen, die in der Schweiz Arbeit und Einkommen suchten, so hat sich dies in den letzten 30 Jahren vollständig verändert. Es wäre zu einseitig, nur von Flüchtlingen zu sprechen. Es hat stattdessen regelrechte Migrationsbewegungen in die Schweiz gegeben. Denken wir an die Türkei, oder seit dem Fall des eisernen Vorhanges an die osteuropäischen Länder, oder denken wir an die vielen Einwanderer aus afrikanischen Ländern, die im Flüchtlingsstatus darauf warten, in der Schweiz dauernd Einlass zu erhalten. Wirtschaftliche und politische Instabilität haben weltweit zugenommen, sodass es immer mehr Menschen gibt, die sich auf der Flucht befinden und beispielsweise in der politisch und wirtschaftlich stabilen Schweiz ein neues Zuhause suchen. Der Durchschnittsbürger nimmt vor allem wahr, dass diese Menschen eine Belastung unseres Sozialsystems darstellen. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass in Zukunft noch viel mehr Menschen in die Schweiz drängen werden, ob wir das wollen oder nicht. Menschen, die nicht nur auf der Suche nach Arbeit und Wohlstand sind, sondern oftmals orientierungslos und enttäuscht sind, da sie eine Schweiz antreffen, die nicht ihren Vorstellungen entspricht. Eine Schweiz, die sich abgrenzt ihnen gegenüber, die auf alles Fremde mit Misstrauen und Argwohn reagiert. Fazit: Die Schweiz wird noch mehr als heute ein Land von Migrantinnen und Migranten werden. Es braucht für die Zukunft noch wesentlich mehr an Integrationsbemühungen, damit der Kontakt zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen nicht vollends verloren geht und einzelne ethnische Gruppen sich isolieren.
3. Die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen. Die Schweiz, wie sie von Jeremias Gotthelf oder Gottfried Keller beschrieben wurde, gibt es nicht mehr. Die Schweiz hat ihren Dorfcharakter verloren und hat sich zunehmend zu einer grossen Stadt entwickelt, die unter anderem geprägt ist von Anonymität und Vereinsamung des Einzelnen. Im Kanton Basel-Stadt hat man vor einigen Jahren pro Wohnung einskommadrei EinwohnerInnen registriert – eine Stadt also, die bald so viele Wohnungen hat wie Einwohner. Die hohe Scheidungszahl von inzwischen 53% ist heute mitverantwortlich für die neue Armut. Familien fallen auseinander, Alleinerziehende versuchen finanziell über die Runden zu kommen. Der Grundstein, auf dem der Staat aufbauen konnte, die Familie, ist immer mehr ins Wanken gekommen. Dazu kommt, dass eine Geburtenrate von einskommadrei pro Ehepaar nie ausreicht, um das zahlenmässige Ueberleben der Schweiz zu sichern. Anderseits hat der Individualismus den Zenith schon längst überschritten. Die vermehrte Freiheit durch Individualismus hat sich unmerklich zu einer Entsolidarisierung mit den Schwachen und Leidenden entwickelt. Die Familie als Baustein eines gesunden Staates ist zum Auslaufmodell verkommen. Werte wie Treue, Beständigkeit, Liebe werden zwar bejaht, aber von den Vorbildern, die uns das vorleben, gibt es immer weniger. Ausserdem haben sich Parallelgesellschaften gebildet, die kaum mehr in Kontakt zueinander stehen. Da gibt es zum Beispiel die sich zum Islam bekennenden jungen Menschen, die Töchter und Söhne von Einwanderern sind und perfekt schweizerdeutsch sprechen. Sie reden von der Schweiz als ihrem Land. Die Gesellschaft polarisiert sich immer stärker. Arme wollen endlich reich werden, und die Reichen werden immer reicher und wollen nichts von ihrem Reichtum abgeben. Der Ton in der Politik ist rauer geworden, und die Meldungen über finanzielle Verfehlungen von Managern werden immer häufiger. Undsoweiter, undsoweiter. Gesamthaft bedeutet dies eine enorme Zunahme von Stress für den Einzelnen. Dadurch steigt die Anfälligkeit für seelische und körperliche Krankheiten. Aufgrund geringerer Ressourcen sind Ereignisse wie Burnout fast vorprogrammiert. Der seelische Schutz, den eine intakte Familie bietet, ist für Viele längst kein Thema mehr. Stattdessen ist man lebenslang auf der Suche nach dem Menschen, der einem die Geborgenheit gibt, die man vermisst. Kontaktinserate in Zeitschriften oder im Internet reden hier eine klare Sprache. Fazit: Die Menschen werden in ihren Beziehungen immer unverbindlicher und einsamer und leiden unter der zunehmend schwindenden Solidarität in unserem Land. Es braucht Massnahmen, die familiäres Leben fördern und Alleinstehende, aus welcher ethnischen Gruppe auch immer, miteinbeziehen.
4. Der Zustand und die Entwicklung unseres Gesundheitswesens. Im Rahmen der Hochkonjunktur der 60er und 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts konnte sich auch das Gesundheitswesen entwickeln wie noch nie zuvor. Der Traum, sich auch in der Medizin alles leisten zu können, schien Realität zu werden. Diakonische Initiativen schienen kaum mehr notwendig zu sein, oder sie wurden in grössere Konzepte eingebunden, die von kantonalen Departementen oder auf Bundesebene entworfen wurden. Nun war es beispielsweise die IV, die bestimmte, was für Anforderungen z.B. Wohnheime aufweisen müssten, um Bewohnerinnen betreuen zu dürfen. Wohl gemerkt, es ging nicht mehr darum, dass in der Diakonie eine Hilfe angeboten wurde, die sonst nicht existierte. Sondern es entstand ein Wettlauf der verschiedensten Sozialinstitutionen, ob sie die Erlaubnis für eine entsprechende soziale oder diakonische Tätigkeit erhalten würden. Ein Beispiel dafür sind die christlichen stationären Drogenrehabilitationsstationen. 1971 wurde das erste Reha-Zentrum unter dem Einfluss der damaligen Teen Challenge-Bewegung der Vereinigten Staaten in der Schweiz gegründet. Das war eine Pionierleistung – Drogenrehabilitation in einem familiären, christlichen Rahmen. Mit den Jahren veränderte sich die Drogenpolitik, und heute ist es so, dass viele abstinenzorientierte stationäre Therapieangebote schliessen mussten. Gerade auch im diakonischen Bereich mussten stationäre Angebote geschlossen werden, weil es schwieriger wurde, Klienten zu finden. Auch begann das Geld spärlicher zu fliessen, sodass die Kostenübernahmen immer weniger gewährleistet waren. Heute werden Drogenpatienten überwiegend ambulant in Drogenersatzprogrammen betreut. Von einem Ausstieg redet heute kaum mehr jemand. Die Politik hat sich verändert. Ein Politiker erzählte mir vor Jahren, dass jede Gesellschaft einen bestimmten Anteil an Suchtkranken aufweise, da könne man nichts ändern. Also: Stationäre und abstinenzorientierte Angebote sind aus politischer Sicht überflüssig geworden. Anderseits steigen im Gesundheitswesen die Kosten ins fast Unermessliche. 50 Milliarden Schweizer Franken im Jahr 2003 und kein Ende in Sicht – weshalb ist das so? Im Grunde genommen weiss dies niemand so genau. Stattdessen sind wir auf dem besten Weg zu einer rationierten Medizin. Die Hausärzte sind am Aussterben. Herr Bundesrat Couchepin riet kürzlich dazu, stattdessen Krankenschwestern als Anlaufstellen einzusetzen und den Apothekern die Bewilligung zur Ausstellung von Rezepten zu erteilen. An den Spitälern werden laufend Stellen im Pflegebereich abgebaut, sodass der Stress im Pflegeberuf extrem zunimmt und niemand mehr wirklich Zeit hat für den einzelnen Patienten. Wie kürzlich in der Basler Zeitung erwähnt, sollen die Patienten nun 20% der Pflegeleistungen in Spitälern und bei der Spitex selber bezahlen. Schon heute bezahlen die Privathaushalte etwa 32% der Ausgaben im Gesundheitswesen aus dem eigenen Sack. Ein weiteres Drittel bezahlen sie mit den Prämien ihrer Krankenversicherungen. Aus eigener beruflicher Erfahrung weiss ich, dass der Aufenthalt in einem Spital oder in einer Klinik für weniger begüterte Patienten zunehmend zu einem ruinösen Unternehmen wird. Die Zweiklassenmedizin steht vor der Tür und klopft an. Einerseits sind die Fortschritte auf dem Gebiet der Gentechnik beeindruckend, doch wer wird in der Zukunft die neuen ultramo-dernen Diagnose- und Therapiemethoden noch bezahlen können? Wieviele von den insgesamt etwa 370 Spitälern und Kliniken in der Schweiz werden in den nächsten beiden Jahrzehnten überleben, nachdem ein bekannter Gesundheitsoekonom vorgerechnet hatte, dass es in der Schweiz nur gerade 30 Spitäler brauche? Anderseits erbringen die Spitäler rund einen Drittel aller Leistungen im Gesundheitswesen. Im Jahr 2001 behandelten sie 1'330'000 Personen. Insgesamt ergaben sich so 13,7 Millionen Pflegetage. Für die Pflege in den Spitälern stehen insgesamt rund 43'000 Betten zur Verfügung. Es macht den Anschein, dass wir in der Medizin immer bessere Möglichkeiten besitzen, die aber von immer weniger Menschen bezahlt werden können. Wenn das Gesundheitswesen schrumpft, dann wird es massiv mehr Arbeitslose geben. Im 2001 waren rund 429'000 Personen im Gesundheitsbereich tätig, mehr als die Hälfte in Spitälern und Pflegeheimen. Es gibt weit über zwanzig verschiedene Berufsausbildungen, die im Gesundheitswesen ausgeübt werden. Fazit: Die Diagnose- und Therapiemöglichkeiten werden zunehmen, aber immer weniger Menschen werden sich diese Möglichkeiten leisten können. Es braucht in Zukunft wieder diakonische Initiativen, die bestehende Lücken ausfüllen können.
5. Die Zunahme bestimmter Erkrankungen. Es hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten gezeigt, dass aufgrund komplexer gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen insbesondere die psychischen Krankheiten stark im Vormarsch sind. So rechnet man heute damit, dass die Wahrscheinlichkeit, einmal im Leben an einem schweren psychischen Leiden zu erkranken, in der Schweiz nahezu 50% beträgt. Jedes Jahr erkranken 70'000 Menschen neu an einem psychischen Leiden. Die Hälfte dieser Erkrankungen bricht bereits vor dem 14. Lebensjahr ein erstes mal aus und gefährdet so die Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen. Die Folgekosten von psychischen Erkrankungen erreichen jedes Jahr zweistellige Milliardenbeträge. Dennoch besteht für die Schweiz auf Bundesebene bis heute weder ein Koordinationsauftrag, noch sind adäquate Massnahmen in Sicht, die der epidemienartigen Entwicklung psychischer Erkrankungen entgegentreten. Stattdessen reden Politiker heute noch polemisierend von Befindlichkeitsstörungen und meinen damit psychische Krankheiten. Ein anderes Thema sind die Folgekosten der starken Uebergewichtigkeit von heute nahezu 30% aller Kinder im schulpflichtigen Alter.
Fazit: Aufgrund der starken Zunahme gerade psychischer Erkrankungen wird es in Zukunft einen Notstand geben, was bedeuten wird, dass zum Beispiel die Suizidrate, die in der Schweiz heute schon einsame europäische Spitze darstellt, weiter zunehmen wird. Es braucht grosse Anstrengungen gerade auf dem Gebiet der psychosozialen Versorgung unseres Landes.
6. Der Zustand und die Entwicklung der Kirchen. Dieser Punkt dürfte uns, da wir von Diakonie sprechen, sehr interessieren. Dass in den letzten beiden Weltkriegen christlich geprägte Nationen im Namen ihres christlichen Gottes Krieg führten, hat seine Spuren hinterlassen. In den letzten Jahrzehnten veränderte sich unsere ursprünglich christlich ge-prägte Gesellschaft immer mehr hin zu einer fundamentalistischen atheistischen Gesellschaft. Es hat eine Werteverschiebung stattgefunden. Wichtig sind heute vor allem materialistische Werte und Ziele, die darauf angelegt sind, kurzfristig zum Erfolg zu führen, ohne dass sich irgendjemand darum kümmert, welche Konsequenzen dies längerfristig mit sich bringt. Grundwerte wie Nächstenliebe, Beständigkeit und Treue werden zwar grundsätzlich bejaht, doch immer weniger Menschen leben nach diesen Werten. Wer heute öffentlich von Jesus redet, riskiert im besten Fall, ausgelacht oder als unverbesserlicher Fundamentalist bezeichnet zu werden. Freikirchen werden landläufig zunehmend als Sekten angesehen, vor denen man sich hüten muss. Evangelisation wird zunehmend als grenzüberschreitende Handlung wahrgenommen, die die Religionsfreiheit missachtet und Menschen bedrängt. Ueberhaupt wird man damit rechnen müssen, dass in Zukunft jegliche Form von Religion als grundsätzlich gefährlich und den Weltfrieden bedrohend angesehen wird. Fazit: Die Kirche wird inskünftig vermehrt Züge einer ausgegrenzten Minderheit annehmen, sich deshalb vermehrt zu Hauskirchen entwickeln und dadurch motivierter und beweglicher werden, um das Evangelium in Wort und Tat zu den Menschen zu bringen.
Soviel zu den Trends. Ich möchte nun daraus folgernd für eine Diakonie plädieren, die diesen Trends entgegenwirkt und bezahlbar ist. Und die sich auf das Gesundheitswesen wie auch auf private diakonische Initiativen und Werke bezieht.
Also Punkt 1 Diakonie beginnt in unseren Herzen. Zuallererst geht es darum, dass wir auf Gott hören, dass wir erfüllt werden von Seinem Geist. Dass wir dadurch Mut und Hoffnung bekommen, dass Gott eingreifen kann und das Leben von Menschen positiv verändert, wenn wir Ihn darum bitten. Im Hören auf Gott gewinnen wir eine andere Perspektive. Wir beginnen Menschen so zu sehen, wie Gott sie sieht, nämlich aus der Perspektive der Liebe heraus. Liebe bedeutet damit aber nicht, dass wir einfach alles akzeptieren, was Andere uns zumuten. Liebe bedeutet, so zu handeln, dass es dem Nächsten zum Besten dient. Das kann auch bedeuten, dass man streng und konsequent handeln muss. Aber die Motivation ist diejenige des Hoffens, des sich Erbarmens, des Mitleidens. Diakonisches Handeln beginnt zuerst bei uns selber. Es geht darum, dass wir selber Menschen werden oder sind, denen man vertrauen und etwas anvertrauen kann. Menschen, die Werte wie Treue, Aufrichtigkeit, Geduld mit dem Nächsten, Offenheit für Beziehung und so weiter leben. Ich weiss, man könnte mich jetzt in die Ecke des Moralisten stellen. Aber, Hand aufs Herz, ist das wirklich Moralisieren, wenn man christliche Werte als grundlegend erachtet? Es täte unserem Land gut, wenn wir die Liebe zu Gott und zum Nächsten neu entdecken könnten. Kehren wir kurz zum barmherzigen Samariter zurück: Er liess sich durch die Not des Nächsten erreichen, weil er offen dafür war. Wenn wir selber tagtäglich erleben können, wie Gott uns begegnet und uns hilft, so können wir auch offen sein für das Notwendige an unserem nächsten Menschen. Ich plädiere wieder für mehr gemeinschaftliches Leben. Denken wir an die kommunitären Wohn- und Lebensformen der Diakonissen und Bruderschaften in unserem Land. Es gibt sie noch, ja tatsächlich, sie sind nicht ausgestorben. Und wir haben sie nötiger denn je, gerade in einer Zeit, in der die Entsolidarisierung mit raschen Schritten voran schreitet. In der Gemeinschaft lernt man tagtäglich neu, auf den Nächsten Rücksicht zu nehmen, ihm zu dienen, ihn zu lieben, auch wenn er einen manchmal aufregt und man sein Denken und Handeln als störend empfindet. Diakonie beginnt bei mir selber, in meinem Umgang mit Gott, und sie geht weiter in der Gemeinschaft, in der ich lebe, sei dies eine Ehegemeinschaft, ein Hauskreis, eine Freundschaft, oder eben eine Kommunität. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass wir heute wieder mehr Kommunitäten brauchen, die uns zeigen, wie Solidarität und Leben in einer Gemeinschaft funktionieren. Ob wir wollen oder nicht, es wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten eine Konzentration der Spitäler geben, weil wir sie uns finanziell nicht mehr leisten können. Dabei kommt mir immer wieder der Gedanke, ob es nicht möglich wäre, dass eine Kommunität ein Spital übernehmen und weiter betreiben könnte. Sicher wäre es dann nicht möglich, Spitzenmedizin in den Bereichen Diagnostik und Therapie anzubieten. Aber es könnten die grundlegendsten Bedürfnisse an Diagnostik und Therapie abgedeckt werden. Und vor allem könnte wieder eine Pflege angeboten werden, wo man Zeit hat, auf Fragen und Unsicherheiten der Patienten einzugehen, ihnen Trost zu vermitteln, ihnen in ihren existenziellen, auch geistlichen Fragen zu begegnen. Ich bin überzeugt, dass eine diakonische Lebens- und Dienstgemeinschaft im Sinn einer Kommunität auch finanziell interessant ist. Wir wissen ja alle, dass überall im Gesundheitswesen Personal abgebaut wird. Menschen sind zu teuer geworden. In einer Kommunität können Ressourcen gemein-sam genutzt werden, man wohnt am gleichen Ort, kann Alltagsdinge gemeinsam benutzen, sodass man auch mit einem niedrigeren Lohn auskommt.
Nun zu Punkt 2 Der nächste Schritt ist, dass wir das Richtige tun. Der barmherzige Samariter hatte offensichtlich Sachkenntnis. Er wusste, was notwendig war, damit die Wunden des Mannes, den er auf der Strasse gefunden hatte, heilen würden. Es braucht in der Diakonie auch heute nach wie vor professionelles Wissen und Handeln. Es geht nicht, dass wir uns ohne entsprechende Ausbildung zum Piloten in das Cockpit eines Flugzeuges setzen und dann darauf vertrauen, dass Gott es schon irgendwie macht, dass wir nicht abstürzen. Wenn es darum geht, zukünftig entstehende Lücken im Gesundheitswesen auszufüllen, so braucht es Sachkenntnis. Und ich kann ihnen sagen, diese Lücken werden kommen. Wie schon erwähnt, hat Herr Bundesrat Pascal Couchepin auf die Frage, was beim zunehmenden Hausärztemangel getan werden sollte, geantwortet, dass es dann halt einfach mehr Krankenschwestern als Anlaufstellen bräuchte anstelle der fehlenden Hausärzte. Ein interessanter Gedanke, wirklich. Wie wäre es, wenn eine Lebens- und Dienstgemeinschaft die psychosoziale und gesundheitliche Versorgung eines ganzen Quartiers übernehmen könnte, angefangen bei der Nachbarschaftshilfe bis hin zur Pflege in der eigenen Wohnung? Natürlich gibt es die Spitex. Aber die Frage ist ja, ob es in Zukunft die Spitex noch geben wird, wenn das Geld nicht mehr reicht. Nun, ich plädiere für eine Diakonie, die kreativ und mutig ist. Wissen Sie, wenn man die Entstehungsgeschichte der Diakonie studiert, so staunt man immer wieder, unter welchen finanziellen Nöten und Unmöglichkeiten Spitäler und Institutionen aufgebaut wurden. Und Gott hatte dann die Gebete und das Flehen gehört und eingegriffen. Dafür bin ich immer wieder dankbar, dass die Riehener Diakonissen in den letzten 150 Jahren sich von Unmöglichkeiten nicht abschrecken liessen. Wenn es im Kanton Basel-Stadt die von ihnen gegründete psychiatrische Klinik nicht gäbe, wir hätten ein Problem, da es viel zu viele psychisch Kranke gibt, die eine stationäre Behandlung benötigen. Und ich höre immer wieder von Patienten, dass sie statt in die kantonale Klinik viel lieber in die Klinik Sonnenhalde eintreten, weil dort der ganze Mensch miteinbezogen wird.
Nun zu Punkt 3 Wussten Sie, dass die freiwillige Arbeit, die in der Schweiz geleistet wird, und damit ist auch Vereinsarbeit usw. gemeint, einen finanziellen Wert von 27 Milliarden Schweizerfranken besitzt? Da wären sicher auch noch Ressourcen für die Diakonie vorhanden. Es braucht dort in Zukunft noch mehr Freiwilligenarbeit. Aus christlicher Motivation heraus anderen Menschen zu dienen, auch wenn man nicht immer etwas dabei verdient. Ich möchte kurz die Diakonische Stadtarbeit Elim in Basel erwähnen. Es handelt sich dabei um ein Werk, das ich vor über 10 Jahren mit einigen Freunden zusammen gegründet habe und das heute neben niederschwelliger Drogenarbeit auch Ausländerarbeit und noch einiges mehr anbietet. Wir könnten nicht existieren, wenn nicht die vielen Freiwilligen treu ihren Dienst verrichten würden und teilweise seit Jahren zum Beispiel das Gassencafé führen. Menschen, die neben ihrer beruflichen Arbeit genügend motiviert sind, Diakonie tatsächlich zu leben und einen Abend pro Woche zu investieren, anstatt ihren verdienten Feierabend zu geniessen. Ich bin überzeugt davon, dass auch im Gesundheitswesen die Freiwilligenarbeit einen steigenden Stellenwert haben wird. Gerade im Betreiben von Pflegeheimen wird das zunehmend wichtig werden.
Punkt 4 Die Christen, wollen sie sich diakonisch betätigen, müssen wieder dort sein, wo die Menschen sind. Die Diakonische Stadtarbeit Elim beispielsweise ist mitten in einem der Problemquartiere in Basel tätig. Durch einige Umstände ist es uns gelungen, sowohl das Haus Elim mit seinen 29 Zimmern für niederschwelliges Wohnen wie auch insgesamt 50 Wohnungen in den nächstumliegenden Häusern zu erwerben. Unser weiteres Ziel ist es, in diesen Häusern eine Lebens- und Dienstgemeinschaft aufzubauen und noch mehr Beziehungen ins Quartier hinein zu knüpfen. Wir haben uns vernetzt mit anderen diakonischen Initiativen im Quartier. In näherer Nachbarschaft existiert auch seit vielen Jahren eine kleine landeskirchlich orientierte Schwesternkommunität, die im Quartier tätig ist. Was das Gesundheitswesen anbelangt, so kann man sagen, dass die Mehrheit der Bevölkerung irgendwann einmal ein Spital oder ein Alters- und Pflegeheim benötigt. Dort zu sein, wo die Menschen sind, bedeutet, eben gerade in der Pflege tätig zu sein.
Lassen Sie mich noch einmal kurz auf die von mir erwähnten Schlussfolgerungen der beschriebenen Trends zurückblicken und dabei versuchen zu skizzieren, was inskünftig wichtig werden könnte. Die Diakonie der Zukunft muss alternative Arbeitsplätze anbieten können. Sie muss in einem gewissen Sinn international sein, um sich mit Menschen aus verschiedensten ethnischen Volksgruppen auseinandersetzen zu können. Dadurch darf sie andere Religionen, insbesondere den Islam, nicht als Bedrohung erleben, sondern sie muss sich konstruktiv damit auseinandersetzen und Beziehungen zu fremden Menschen mit einer fremden Religion knüpfen können. Die Diakonie der Zukunft muss in der Lage sein, Lücken im Gesundheitswesen ausfüllen zu können. Sie muss insbesondere im psychosozialen Bereich in der Lage sein, Menschen mit psychischen Problemen begegnen zu können. Und sie ist herausgefordert, sich mit den Wurzeln des Christentums zu identifizieren trotz einer zunehmend ablehnenden Haltung dem Christentum gegenüber. Und die Diakonie sollte insbesondere Formen von Gemeinschaft kreieren wie Kommunitäten oder Lebens- und Dienstgemeinschaften, um Menschen in einer zunehmend beziehungslosen Zeit in einem familiären Rahmen willkommen heissen zu können.
Ich kann Ihnen keine Guideline für die Diakonie der Zukunft abgeben. Aber ich bin überzeugt davon, dass in unserem Wohlfahrtsstaat gerade auch in Zukunft ein rauer Wind, vielleicht sogar ein Sturm, blasen wird. Es wird Lücken in der Versorgung geben, der Staat wird sich auch aus finanziellen Gründen nicht mehr um alles kümmern können, private Initiativen werden in Zukunft noch mehr gefragt sein. Ich rufe uns alle auf, sofern wir eine Beziehung zu Jesus haben, dass wir ins Gebet gehen und ernstlich fragen, wo unser Platz in der Diakonie ist. Gott beruft immer wieder Menschen und gibt ihnen kreative Ideen, die sie umsetzen können. Wenn Sie Ideen haben, so möchte ich Sie unbedingt dazu ermutigen, durchzuhal-ten, bis diese Ideen sichtbare Realität geworden sind. Studieren Sie die Geschichte der Diakonie, und lernen Sie daraus, wie in der Vergangenheit Unmöglichkeiten zu Möglichkeiten wurden. Versuchen Sie nicht, etwas alleine auf die Beine zu stellen, sondern vernetzen Sie sich mit Menschen, denen Sie vertrauen können und deren Rat Ihnen auch in der Vergangenheit geholfen hat. Aber lassen Sie sich nicht daran hindern, bei dem, was Gott Ihnen persönlich ins Herz hineingelegt hat, zu bleiben und hart dafür zu arbeiten, dass es sichtbare Realität wird. Ich persönlich hatte vor 18 Jahren die Stimme Gottes auf eindrückliche Weise gehört. Und ich bin mit meiner Frau zusammen dran geblieben. Manchmal, wenn ich im Elim bin, meine ich zu träumen. Dass das, was Gott mir damals aufs Herz gelegt hatte, derart real werden würde, und dass heute eine Stadtarbeit besteht, in der motivierte, kreative Menschen derart engagiert mitarbeiten – das ist Entschädigung genug, um zu sagen, dass sich auch die schwierigen Zeiten der letzten Jahre gelohnt haben. Kommen wir noch einmal auf den barmherzigen Samariter zurück. Er kümmerte sich nicht nur um den Verwundeten, sondern bezahlte auch die Kosten für ihn. Wir machen im Elim die Erfahrung, dass wir unser Geld hineinstecken, dafür aber finanziell wesentlich günstiger arbeiten können. Ohne das geht es nicht. Familiär organisierte diakonische Strukturen senken die Kosten.
Ich möchte Sie ermutigen, tagtäglich auf Gott zu hören. Es muss ja nicht immer gerade eine Stadtarbeit sein, die einem Gott aufs Herz legt. Aber es ist sicher immer etwas, was Ihnen in Ihrem Alltag hilft Ihre Arbeit zu tun, sei es in einem Spital oder in einer anderen diakonischen Einrichtung. Was immer Sie tun – tun Sie es aus der Inspiration Gottes, aber tun Sie es, mit Mut und Durchhaltewillen. Unser Land hat Menschen mit diakonischem Denken und Handeln bitter nötig. Die Zukunft steht vor der Tür und hat bereits angeklopft.
Quelle: 2. Referat CDK Kongress 2007 in Thun
