Suizidpatienten im Spital oder Heim
von Dr. med. Samuel Pfeifer (S.P.) und Dr. med. Michel Pickmann (M.P.) befragt von CDK
Wie sollen sich Pflegepersonal und Ärzte verhalten?
S.P: Wenn ein Mensch versucht, sich das Leben zu nehmen, so ist dies für mich in erster Linie Ausdruck seiner Verzweiflung und seiner Ausweglosigkeit. Somit ist die Grundhaltung in der Begegnung zuerst einmal Annahme, Einfühlung und das Angebot, mit ihm einen Weg aus der Verzweiflung zu suchen. Als Arzt muss ich aber auch das Risiko eines weiteren Suizidversuches abschätzen und die nötigen Massnahmen ergreifen (medikamentöse Sedation, engmaschige Begleitung durch Angehörige oder Personal, vorübergehend vielleicht auch eine geschlossene Station). Bei den allermeisten Menschen geht die akute Suizidalität vorbei, so dass sie nachträglich dankbar sind für die Einschränkungen während dieser Krise.
M.P.: Keine Vorwurfshaltung einnehmen, sondern den Suizidpatienten gegenüber zum Ausdruck bringen, dass man sie annimmt, so wie sie sind, auch inmitten der ganzen Scham, die bei vielen Suizidpatienten nach einem Suizidversuch vorhanden ist. Ich würde diese Scham auch ansprechen und versuchen, allfällige Gründe für einen Suizidversuch herauszufinden, zusammen mit dem Suizidpatienten, um diesem damit auch zu signalisieren, dass es Gesprächsmöglichkeiten gibt, quasi als Ausweg aus der suizidalen Sackgasse.
Was soll man dem Suizidpatienten sagen?
S.P: Ich möchte hier mit einem Zitat von Erich Schick aus seinem Buch „Der Christ im Leiden“ (Brunnen-Verlag) antworten:
„Gerade wenn wir als Christen wissen, wie wenig der Selbstmord ein Ausweg ist aus äusseren wie aus inneren Schwierigkeiten, so wissen wir doch zugleich, dass auch über solchen erschütternden Geschehnissen das Wort steht: ,Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an’ (1. Sam. 16,7). Wir wollen gerade der Seelen, denen das ängstliche Harren der Kreatur über die Kraft ging, in besonderer Liebe gedenken und wissen, dass auch für sie das Hohepriestertum Jesu Christi gilt. Er, der Meister, hat Mittel und Wege genug, das angefangene Werk auch jenseits des Grabes zu vollenden und den Weg über die geheimnisvolle Brücke zu führen, selbst in einem Reich, in das unser irdisches Auge nicht dringt.“
M.P.: Das kommt auf die Beziehung an, die man zu einem Suizidpatienten gewinnt. Es kann wichtig sein, zu sagen, dass man stellvertretend die Hoffnung auf das Leben übernimmt, bis jemand wieder selber dazu in der Lage ist, genügend Lebenskraft zu haben. Dann würde ich auch sagen, dass es einen Gott gibt, dass er da ist, ob man an ihn glaubt oder nicht, und dass es wichtig ist, zu diesem Gott eine persönliche Beziehung zu gewinnen, um zu erfahren, dass man nicht aus Zufall heraus entstanden ist – und dementsprechend es auch kein Zufall ist, den Suizidversuch überlebt zu haben. Viele Suizidpatienten stehen sonst unter dem Eindruck, zufälligerweise überlebt zu haben.
Was darf man auf keinen Fall sagen, wie darf man auf keinen Fall reagieren, wenn ein Suizidpatient eingeliefert wird?
S.P: Es wäre unmenschlich und unchristlich, einen Patienten nach Suizidversuch zu verurteilen oder ihm Vorwürfe zu machen.
M.P.: Keine Vorwürfe, Moralpredigten, was nur die Folge hätte, dass die Suizidpatienten darin bestärkt würden, dass es besser wäre, nicht mehr zu leben. Viele Pflegende/Ärzte haben in der Akutsituation Aggressionen einem Suizidpatienten gegenüber. Wenn man sich darüber klar wird, dann kann man eine entsprechende Übertragung verhindern.
Was soll den Familienangehörigen gesagt werden, was auf keinen Fall?
S.P: Als Ärzte sind wir in einer eigenartigen Situation: Vor einem Suizid müssen wir alles tun, um diesen zu verhindern. Nach einem vollendeten Suizid gilt es aber, das Unfassbare anzunehmen und die Angehörigen in ihrem Schmerz zu begleiten. Da sind zuerst die Schuldgefühle. Angehörige müssen wissen, dass sie nicht verantwortlich gemacht werden können dafür, dass ein geliebter Mensch sich das Leben nimmt. Weitere Probleme sind Vorwürfe aus der Umgebung (Stigma). Manchmal ist da aber auch ein grosser Zorn über das was einem der Mensch angetan hat, der sich „so einfach aus dem Leben und aus der Verantwortung stiehlt“. Und schliesslich gilt es die Angehörigen im ganzen Trauerprozess zu begleiten.
M.P.: Das kommt auf die Beziehung an, die man zu einem Suizidpatienten und zu dessen Familie gewinnt. Ich würde versuchen, im Gespräch mit den Familienangehörigen herauszufinden, wie es zum Suizidversuch kam, und die Schuldgefühle, die latent vorhanden sind, anzusprechen. Dies bringt eine gewisse Entlastung. Auf gar keinen Fall darf man sich auch in äusserlich gesehen eindeutigen Situationen zu einer Schuldverteilung zulasten der Angehörigen hinreissen lassen. Keine vorschnellen Schlüsse mitteilen bzgl. dem, weshalb es ja so kommen musste (weil der und der in der Familie sich so und so verhalten habe). Sondern im Gespräch Annahme, Akzeptanz vermitteln, sodass bei den Angehörigen ein Gefühl von Sicherheit und Akzeptanz entstehen kann.
Wie könnte man verhindern, dass es in der Schweiz jährlich zu 1500 Suiziden kommt?
S.P: Suizide kommen in allen Ländern und Kulturen der Welt vor und können nie völlig verhindert werden. Manche psychische Krankheiten sind so schwer zu ertragen, dass Suizid als fataler Ausgang - ähnlich wie bei einem Krebsgeschehen - verstanden werden muss. Auf der anderen Seite gilt es aber, Menschen in vorübergehenden Krisen daran zu hindern, die Mittel und Gelegenheit zu haben, sich das Leben zu nehmen. Dazu gehört die Einschränkung der Verfügbarkeit von Waffen, die Sicherung von Brücken, sowie die Verschreibung von sicheren Medikamenten. Eindrücklich ist der Befund einer amerikanischen Studie (2004) dass Menschen mit einer religiösen Bindung deutlich niedrigere Suizidraten haben. Der Glaube kann also stabilisierend wirken. Und schliesslich möchte ich auf Hilfsangebote hinweisen, wie etwa „Die Dargebotene Hand“ (Tel.-Nr.143), wo Menschen ihr Herz ausschütten können und der Druck weicht, den letzten fatalen Schritt zu tun.
M.P.: Ein intaktes Beziehungsnetz würde die Suizidrate zum Sinken bringen. Wer 3-5 Personen kennt, zu denen er eine gute Beziehung hat, wird einen Suizid wahrscheinlich vorankündigen.
Quelle: Publiziert CDK-Bulletin 4/2005
